Die Reise
Im Jahr 1817 begannen im großen Stil die Vorbereitungen zur Auswanderung. Es bildeten sich „Auswanderer-Harmonien“, die durch einen gewählten Ältesten geleitet wurden. Diese Ältesten predigten, tauften, gaben Sterbesakramente, vollzogen Trauungen und weitere kirchliche Handlungen. Zugleich waren sie auch für die gemeinsame Kasse zuständig. Die wohlhabenden Auswanderer gaben 10% ihres Vermögens, um ärmeren Ausreisewilligen die Reise zu finanzieren. Es gab auch Harmonien, die Gütergemeinschaft praktizierten in dem sie ihr gesamtes Vermögen in die gemeinsame Kasse einbezahlten. Meine Vorfahren gehörten der Plattenhardter Harmonie unter der Leitung von Adam Böpple an und stammten aus Plieningen bei Stuttgart. Ende des Jahres 1816 erhielten die ersten Harmonien die Ausreisegenehmigung. Dazu mussten Reisepässe der russischen Regierung beschafft werden. Zweihundertfünfzig Familien stellten beim Gesandten des russischen Reiches in Stuttgart Antrag auf  Einreiseerlaubnis. Die Antragsteller wurden auf die wesentlichen Bestimmungen der Einreise hingewiesen: 1.) Jeder muss ein Zeugnis von der Ortsobrigkeit besitzen, dass er ein guter Hauswirt ist und den Gesetzen des Landes Genüge getan hat.  2.) Jeder muss einen sicheren Bürgen stellen, dass er ein Vermögen von wenigstens 300 Gulden besitzt. 3.) Jeder muss schriftlich erklären, auf jeden Vorschuss oder Entschädigung zu verzichten Die württembergische Regierung versuchte auf die Ausreisewilligen einzuwirken, um sie von Ihrem Vorhaben abzubringen - was natürlich nicht erfolgreich war. Ende April 1817 erklärte die russische Gesandtschaft in Stuttgart, dass sie nicht ermächtigt sei, Reisepässe auszustellen. Es musste eine andere Lösung gefunden werden. Zwei Delegierte wurden nach Wien geschickt, um dort bei der russischen Botschaft eine Einreisebewilligung zu erhalten, was letztlich auch gelang. Nach deren Rückkehr war zusätzlich ein Schreiben aus Sankt Petersburg eingetroffen, dass gegen die Einwanderung keine Einwände bestünden, die russische Regierung jedoch die Garantie haben müsse, dass Russland durch die Auswanderung keine besonderen finanziellen Lasten entstünden. Am 10. Mai 1817 wurden die Reisepässe an die Ausreisewilligen ausgehändigt. Mittlerweile waren schon Abmachungen mit der Schifffahrtsgesellschaft in Ulm zum Transport der Reisenden getroffen worden. Die Auswanderung wurde in 14 Kolonnen aufgeteilt, weil nicht alle gleichzeitig befördert werden konnten. Am 20. Mai 1817 verließen die ersten Aussiedler die Stadt Ulm auf den „Ulmer Schachteln“. Pro Woche wurde eine Harmonie in Ulm eingeschifft. Die letzte Harmonie verließ Ulm im August 1817. Bis Wien verlief die Fahrt ohne Zwischenfälle. Die Gruppen mussten dort auf andere Schiffe umsteigen. Der russische Gesandte in Wien empfahl den Reisegruppen den Landweg über Galizien bis Odessa zu nehmen. Leider wurde diese Empfehlung nicht angenommen. Die ersten Schwierigkeiten tauchten kurz nach Wien auf. Die Schiffe waren überladen, was zu ersten Reibereien unter den Reisenden führte. Finanzielle Unregelmäßigkeiten traten auf und bei zwei Harmonien wurde die Reisekasse gestohlen. Die Reisenden wurden während der Fahrt auch von Behörden erpresst und die Ernährungslage verschlechterte sich durch fehlende Geldmittel. In Bukarest mussten die ersten Auswanderer die russische Gesandtschaft um einen Vorschuss bitten, um die Reisekosten bezahlen zu können. Erste Reiseteilnehmer verließen die Gruppen um bei ungarischen und moldawischen Gutsbesitzern arbeiten zu können. Die qualvolle Enge, der Wechsel von Hitze, Kälte und Regen sowie unsauberes Trinkwasser aus der Donau verursachten erste Krankheiten und Todesfälle. Bei der Ankunft in Ismael verhängte die russische Regierung eine Quarantäne über die Neuankömmlinge, um ein Eindringen von Krankheiten in das russische Reich zu verhindern. Den Reisenden wurde eine Insel in der Donau zugewiesen, auf der sie sich mehrere Wochen aufhalten mussten. Dieser Rastplatz war nicht vorbereitet und deshalb völlig ungeeignet, Menschen unter freiem Himmel kampieren zu lassen. Die Regierung verteilte Lebensmittel, die jedoch für eine ausreichende Ernährung nicht reichten. Deshalb mussten die Auswanderer Teile ihrer Habseligkeiten verkaufen, um sich Lebensmittel kaufen zu können. Nach unbestätigten Berichten sind mehr als 1200 Personen während der Reise gestorben. Nach Aufhebung der Quarantäne und der Weiterreise entschieden sich 98 Familien das Angebot der russischen Regierung anzunehmen und in der Nähe, im Gebiet Bessarabien, zu siedeln. Sie gaben ihren Plan auf, in den Kaukasus zu ziehen. Diese achtundneunzig Familien wurden etwa 80 km von Ismael entfernt in der Kolonie Nr. 12 im Kogälniktal angesiedelt. Dieser Kolonie erhielt später den Namen Teplitz. Der Rest der Reisegruppen setzte seine Reise in den Kaukasus fort. Wie bekannt, ist das „tausendjährige Reich“ – die Auferstehung Christi, im Jahre 1836 nicht angebrochen.
Ulmer Schachtel
Chiliastische Werbung „Eilt nach Osten zu dem neuen Jerusalem. Gott hat Alexander erwählt um Zion zu verteidigen und seiner Braut, der Kirche, eine sichere Stätte zu bereiten.“ „Von Osten scheint die Sonne. Da ist der Zufluchtsort. Dort erwarten uns Freud und Wonne, daher eilt ein Christ nach dort.“
Home Auswanderung Teplitz Umsiedlung Impressum Copyright Gästebuch
©  Heinz Schoon 2015